Excerpt from Physikalische Blätter 13(12):564 - 565, 1957.

The following fairy-tale or romance, related to the just emerging theory of relativity, was written by Walther Nernst and Lotte Warburg in 1912, however,  it was communicated only much later in 1957 by Gertrud von Wartenberg, née Warburg (sister of Lotte), the wife of Hans von Wartenberg, a former coworker of Walther Nernst.

This fairy-tale has also been published in
J. Eggert. Walther Nernst. Zur hundersten Wiederkehr seines Geburtstages am 25. Juni 1964. Angewandte Chemie 76(11): 445 - 455, 1964.
Naturwissenschaftliche Rundschau 35(12):487-?, 1982.


Zwischen Raum und Zeit

Von Walther Nernst und Lotte Warburg

In fernen Zeiten lebte einst am Thron eines mächtigen Königs ein junger Gelehrter, der einen großen Ruf genoß. Zu ihm kamen die Weisen aus allen Gegenden des Reichs und sein Name wurde in allen Städten und Ländern der Erde genannt. Was er lehrte, war neu und einzigartig, der Menge ganz unverständlich, weshalb sie ihn über alle Maßen bewunderte und verehrte. Eines Tages nun trat er mit einer umwälzenden und anmaßenden Theorie hervor. Es ging wie ein Grauen durch die wissenschaftliche Welt, denn die Natur schien erschüttert in ihren ewigen Gesetzen. Als der König davon hörte, ließ er den jungen Gelehrten zu sich rufen und sprach:

"Wenn es Dir nicht gelingt, die Richtigkeit Deiner Theorie, mit der Du die ersten Geister meines Reiches in Bestürzung und Aufruhr versetzt hast, an einem Experiment zu beweisen, sollst Du Deine Lehre mit Deinem Kopf büßen."

"So laß denn", sprach der junge Gelehrte, "aus leichtem Metall eine leichte Kugel anfertigen. Mit der Kraft unserer elektrischen Maschinen wollen wir sie mit ungeheurer Geschwindigkeit in das Weltall schleudern, sodaß sie, frei im Äther schwebend, mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum rast. Meine Theorie lehrt, daß im Innern dieser Kugel unsere Zeit zum Stillstand gebracht wird. Wenn wir sie also zum Beispiel mit Blumen füllen, so werden diese mit unverändertem Duft weiterblühen, weil unsere Zeit ihnen nichts anhaben kann. Und wenn wir den Ball im Frühling bei richtiger Planetenkonstellation in das Weltall schleudern, muß er in Jahresfrist zurückkehren, womit ich dann die Richtigkeit meiner Theorie beweisen kann."

Der König gab sofort den Befehl, alles bis aufs Kleinste bis zum Frühling vorzubereiten. Jetzt lag noch Schnee auf den Bergen, und die hellen Nächte glitzerten auf gefrorenen Wassern.

Alle Techniker des Reichs wurden berufen, dem Gelehrten zu Diensten zu sein und seinen Anweisungen zu folgen. Die junge Königin, die man weit und breit wegen ihrer großen Schönheit nannte, ließ ein prächtiges physikalisches Laboratorium errichten, das sie dem Gelehrten zum Geschenk machte und in dem sie selbst ihren Günstling jeden Tag besuchte. Je schwieriger die Aufgabe wurde, umso leidenschaftlicher vertieften sich die beiden in ihre Lösung.

Nun aber traf es sich, daß das Herz des jungen Gelehrten von Liebe zu der schönen Königin erfüllt ward, und eines Tages - es war gerade die Stunde, da die geheimnisvolle Kugel vollendet der Hand des Gießers entsprang - überraschte ein Palastdiener die beiden, während sie einander umarmt hielten.

Als dies dem König hinterbracht wurde, geriet er in einen furchtbaren Zorn und ließ sie gefesselt vor sich bringen. Darauf befahl er, sie im Innern der Kugel gefangen zu setzen, und sein schrecklicher Racheplan war der, in dem Augenblicke, da das ohnmächtige Verlangen der gefesselten Liebenden seinen Höhepunkt erreicht hatte und die Metallkugel durchglüht war von den Schauern ihrer hoffnungslosen Leidenschaft, sie dem Weltenraum zu überantworten in nieendenwollender Qual.

So war denn die Metallkugel, anstatt mit Blumen gefüllt, ein Gefängnis geworden für zwei unselige Menschenkinder.

Während nun der Hauptmann, der vor dem einzigen Fenster, das die Kugel enthielt, Wache halten mußte, sich für kurze Zeit entfernte, gelang es dem angeketteten Forscher, durch Kurzschluß (wie wir heute sagen würden) das Eisen zu schmelzen und sich und hierauf auch die Königin von den Fesseln zu befreien. Besinnungslos im Taumel ihrer wiedergewonnenen Freiheit, stürzten sich die Liebenden in die Arme. In diesem Augenblick kehrte die Wache zurück, und erschrocken über das, was ihre Augen erblicken mußten, warf sie den Hebel herum, der die elektrische Kraft zum Fortschleudern der Kugel entfesselte. Mit gewaltigem Getöse war in dem Bruchteil einer Sekunde die Kugel im Luftraum verschwunden, und ehe wenige Minuten verflossen waren, hatte sie Lichtgeschwindigkeit angenommen. Die Zeit war also, nach der Theorie des Forschers, zum Stillstand gebracht, und zugleich waren die Liebenden in einem ewigen Kuß vereinigt.

Als jetzt der König mit einem Teil der Gardehauptleute und Großen des Reiches erschien, um vor versammeltem Volk die verbrecherisch Liebenden dem Weltenraum zu überantworten, erfuhr er zu seinem größten Entsetzen, was geschehen war. Gepackt von der maßlosesten Eifersucht, die je ein Menschenherz zerrissen hat, ließ er sofort alle Flugapparate und Luftmaschinen seines Reichs den Weltenraum durchrasen, um die beiden Liebenden zu verfolgen und zu vernichten, aber natürlich umsonst. Ebenso vergeblich blieb die Hoffnung des unglücklichen Königs, daß die Kugel, wie die Theorie des Forschers lehrte, zur Erde zurückkehren würde. Der erschrockene Hauptmann hatte sie zu früh in das All gestoßen, ohne Beachtung der richtigen Planetenkonstellation.

Man nimmt allgemein an, daß die Kugel, einem Kometen vergleichbar, ihren Weg in langgestrecktem Kreise durch das Weltall nimmt und von Zeit zu Zeit, aber nur für wenige Augenblicke und unsichtbar für die Erdbewohner wegen der großen Geschwindigkeit, auch in die Nähe unseres Planeten kommt. Wir spüren dann ihre Wirkung, wenn ein Menschenkind von den Strahlen eines Übermaßes an Liebesglück getroffen wird. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt, nach den Berechnungen des Forschers, die Kugel mit unveränderter Zärtlichkeit erfüllt.


Walther Nernst homepage


Revised 2003-06-04